Sphären: Zeit-Dimensionen, Musik und Empfindungen

Gedanken angeregt durch einen erfrischenden und interessanten Vortrag von Sebastian Deiries „Himmlische Sphären: von Pythagoras bis zu den Multiversen, gehalten in der Volkssternwarte München

In seinem Vortrag zeigte Herr Deiries u.a. vielen anderen Themen, dass Phythagoras annahm, die Planeten bewegten sich in kreisförmigen Sphären. Für mich entstand die Frage: hat er die Kreislinien als Sphären verstanden, oder hat er sich Kugeln um unsere Erde herum vorgestellt. Wie dem auch sei, mir wurde klar, dass man sich Sphären nicht nur nebeneinander sondern auch ineinander geschachtelt vorstellen kann: die eine enthält eine andere oder viele, kleineren Sphären. Und so bin ich auf den Gedanken gekommen, dass man Dimensionen auch wie Sphären betrachten kann. So enthält die Dimension (Sphäre?) des Raumes Flächen, und Flächen enthalten Linien und auf Linien liegen Punkte. Das hat mich angeregt frühere Gedanken von mir (zu Zeit-Dimensionen) noch einmal aufzugreifen und zu formulieren.

Seit vielen Jahren beschäftigt mich die Beobachtung, dass unser Körper und alles physikalisch Materielle in unserer Wahrnehmung nur an einem gemeinsamen Zeit-Punkt, dem Jetzt-Zeit-Punkt, existiert (wirklich ist, das heißt, wechselwirken kann). Unser Geist aber begreift und überblickt Zeit-Räume (exakter wäre Zeit-Linien, gebräuchlich ist aber der Begriff Zeit-Räume). Zeit-Räume (Zeit-Linien) sind aber eine höhere Zeit-Dimension, als der Zeit-Punkt, an dem wir körperlich existieren und wechselwirken.

Ich empfinde das als ein sehr erstaunliches Phänomen – das aber allgemein scheinbar für selbstverständlich gehalten wird.

Wie selbstverständlich berechnen wir auch mathematisch zeit-räumliche Wirkungs-Vorgänge, als wäre es das Natürlichste der Welt (z.B. die Geschwindigkeit). Aber Zahlen und somit die Mathematik sind zeitlos (daher als Information auf alles Messbare übertragbar). Zahlen sind lineare Größen in einer nicht-wirklichen oder vor-wirklichen Dimension, eine Größe die vom mathematischen Anfangs-Punkt (Null) bis zum Ende-Punkt reicht. Erst die Einheiten (Minuten, Meter, Grad, Kilogramm, usw.) verbinden die verwendeten Zahlen und Ergebnisse mit der Wirklichkeit. Erst durch die von Menschenhand zugefügten Einheiten beschreiben Zahlen Verhältnisse in Zeit und Raum. Die dazu verwendeten Einheiten-Zahlen (z.B. 2 Stunden für eine Dauer oder 5 Kilometer für eine Entfernung) sind angenommene Größen oder Mess-Ergebnisse.

Messergebnisse aber entstehen durch physikalische Zustände, die körperlich-materiell sind und damit an einen Jetzt-Zeit-Punkt gebunden sind. Messgrößen enthalten von sich aus keine zeitliche „Räumlichkeit“. Sie messen exakt zum Zeitpunkt X und zu keinem anderen. Aber sie können das Messergebnis als Zahl (die ja zeitlos ist) festhalten. Die Zahl selbst ist aber für die Wirklichkeit (unsere Welt, in der Wirkungen geschehen) ohne Aussage: sind es 5 Kilometer oder doch 5 Sekunden oder 5 Gramm? Die Einheit verbindet das Messergebnis erst mit der Wirk-lichkeit. Die Einheiten verbinden die Messergebnisse entweder abstrakt theoretisch verallgemeinernd als Information mit der Wirk-lichkeit (z.B. „Äpfel haben normalerweise keinen größeren Durchmesser als 10cm“) oder als eindeutige Beschreibung einen wirklich einmalig vorliegenden Zustand („Die Temperatur in München am 10.12.xxxx um 12 Uhr war 3 Grad Celsius“) oder einen wirklich einmalig geschehenen Vorgang („Der Fahrer brauchte am 10.12. 20 Minuten für die Strecke von a nach b“).

Doch woher kommt es, dass ein Messgerät, das doch selbst körperlich physikalisch an den Jetzt-Zeit-Punkt gebunden ist, und dessen Mess-Ergebnisse an einem Jetzt-Zeit-Punkt gemessen und festgehalten werden? (Auch die Messung einer Länge mit einem mehrmals hintereinander angelegtem Meter-Maßstab geschieht an einzelnen Mess-Zeit-Punkten, die dann addiert werden). Kein Messgerät und keine Ergebnis-Zahl „weiß“ worum es in der Messung geht, der Meterstab weiß nicht, dass er 1 Meter lang ist und dass er eine Strecke misst. Die Uhr weiß nicht, dass, wenn sich ihr Zeiger einmal im Kreis bewegt hat, eine Stunde vergangen ist. Der Meterstab weiß nicht, dass er mehrmals hintereinander angelegt wird und die Wiederholung dieses Vorgangs gezählt wird, der Uhrzeiger weiß als physischer Körper auch nicht, dass er sich auch in der nächsten Stunde einmal im Kreis drehen wird. Und ein Computer rechnet mit den Eingaben der Messgeräte, ohne wirklich zu wissen, was er tut. Nur Rechenregeln, die ihm vorher entsprechend den Maßeinheiten eingegeben wurden, lassen ihn ein von uns Menschen gesuchtes Ergebnis berechnen – von dem er aber keine „sinnliche“, erlebbare Vorstellung hat. Rechner mit KI können wohl schon selbst neue Rechen-Regeln aufstellen, wie Mess-Daten verknüpft werden können, da diesen Rechnern die absoluten Basis-Grundlagen als mathematisch-abstrakte Regeln eingegeben wurden, mit Hilfe derer sie den Aufbau komplexerer, neu hinzukommender Rechenregeln eigenständig leisten können und zwar aus gemessenen und neu rechnerisch verknüpften Wahrscheinlichkeiten. Aber dies ist letztendlich immer ein abstrakter Vorgang. Dass ein Roboter sich aufgrund dieser Berechnungen bewegen kann, liegt daran, dass er Zahlen in Bewegung umsetzen kann, die dabei ständig mit Messung überprüft und korrigiert werden kann. Aber in dem ganzen System gibt es (so weit wir es verstehen können) keine Gefühle und kein wirklich zeit-räumliches Begreifen der Vorgänge in der Einmaligkeit der Wirklichkeit.

Wie kommt es nun, dass der Mensch mit seinem Geist Zeit-Räume (Zeit-Linien) und somit zeitliche Abläufe begreifen kann? Es gäbe keine Uhren, wenn wir Menschen nicht begriffen hätten, was ein Zeit-Raum ist und was ein Ereignis innerhalb des Zeit-Raumes. Ja, ohne das Begreifen des Zeit-Flusses könnten wir nicht einmal verstehen, dass es Veränderung, dass es Bewegung, dass es verwandelnde Energien gibt. Unsere Welt wäre ohne Zeit-Vorstellung eine Welt unendlich vieler aufeinander folgender „Fotografien“, die jede einen Zeit-Punkt festhalten, die sich oft sehr ähnlich sind, aber die nichts miteinander zu tun haben.

Unser Begreifen und Verstehen des Zeit-Raumes ist meiner Meinung nach das Begreifen der linearen Dimension der Zeit. Die körperlich-physikalische Welt ist in unserer Wahrnehmung zeitlich Null-dimensional, sie wechselwirkt im Allem gemeinsamen Jetzt-Zeit-Punkt, der zeitlich keine Ausdehnung besitzt, sondern wie ein Punkt auf einer Linie als „Jetzt“ auf der Linie des Zeit-Flusses liegt und mit dem Zeit-Fluss in die Zukunft fließt.

Unser Körper erkennt keinen Zeit-Raum, aber unser Geist erkennt und begreift ihn. Er kann sich an Vergangenes erinnern und sich Zukünftiges ausmalen. Er begreift, dass die Zustände des Jetzt auseinander hervorgehen. Unser Geist ist nicht nur an den Jetzt-Zeit-Punkt der körperlich-physikalischen Wirkung festgeheftet, sondern unser Geist hat Zugang zu der Dimension oder zu den Sphären der ausgedehnten, fließenden Zeit und begreift sie erlebend.

Ich bin der Ansicht, die körperliche-physikalische Welt ist daher in einer niedrigeren Sphäre (Dimension) aufgehoben als unser Geist.

Gefühle und gefühltes Erleben sind ohne das Begreifen von Zeit-Räumen (Zeit-Linien) nicht denkbar. Gefühle erstrecken sich auf Zeit-Räume, ein einziger Zeit-Punkt ohne Entwicklung kann weder Hoffnungen noch Ängste, noch Freude wecken. Die Beschreibung der Situation aus rein körperlich-physikalischen Aspekt zu einem Zeit-Punkt ist sachlich neutral, ist eine Zustandsbeschreibung ohne irgend eine Wertung, da keine Veränderung erhofft oder gewünscht oder angestrebt wird. Erst die Verbindung der sich zeitlich auseinander entwickelnden Zustände kann tiefer gehende Gefühle wecken, Wünsche oder Ängste entstehen lassen oder zum zielgerichteten hoffnungsvollen Planen der Zukunft führen.

Es ist die Sphäre des Zeit-Raums, die unserem Geist ermöglicht, Veränderungen und Abläufe zu erkennen und zu begreifen und mit Gefühlen und mit Erleben zu verbinden.

Musik beispielsweise, das wurde mir jetzt durch den Vortrag von Herrn Deiries deutlich, ist ohne Zeit-Raum-Verständnis nicht erlebbar. Musik braucht die Entwicklung von Tönen – nicht nur die Tonhöhe, sondern auch die Tonlänge und die Verbindung der gehörten Tonfolgen untereinander. Erst die Bewegung der Töne über einen Zeit-Raum hinweg löst unsere Empfindungen aus. Ein isoliert gehörter Ton bleibt für uns ziemlich nichtssagend. Interessant war auch im Vortrag zu hören, dass Pythagoras Geometrie und Musik in Verbindung brachte. Die Geometrie ist die räumliche Gestaltung unserer Welt, die Musik bringt das Zeit-räumliche Erleben mit hinein, ohne dem alle Raum-Räumlichkeit (also Raum ohne Zeit) für uns tot bleiben würde.

Nun stellt sich die Frage: wenn es den Zeit-Punkt gibt (in der die wirkende Welt existiert), aber es auch den Zeit-Raum oder genauer die Zeit-Linie als höhere Zeit-Dimension gibt: existiert darüber hinaus noch eine weitere Zeit-Dimension? Ich denke schon. Wir erleben und denken Zeit als linearen Zeit-Fluss, der sich mit dem Jetzt-Zeit-Punkt unaufhaltsam und unumkehrbar in die Zukunft bewegt und dabei Gegenwart (Jetzt-Zeit-Punkt) in Vergangenheit verwandelt.

Aber man könnte diese lineare Zeit im Gesamten auch als gesamten, allumfassenden Zeit-Raum ansehen, in dem alles, was jemals geschieht, gleichzeitig gegenwärtig ist? Wir können uns das nicht wirklich vorstellen, diese Sphäre oder Dimension ist uns nicht zugänglich. Aber es gibt ein Beispiel, das ein wenig veranschaulichen könnte, was ich meine: in einem Roman-Buch sind stets alle Szenen des Romans vorhanden. Ich lese das Buch zwar normalerweise von vorne geradlinig nach hinten durch – aber ich könnte auch ein Kapitel zurück gehen und dieses noch einmal lesen. Im Roman-Buch ist immer alles, was im Roman geschieht, vorhanden.

Und so ähnlich könnte man die Geschichte unserer Welt als ein Ganzes betrachten, in dem alles aufgehoben ist, was jemals geschehen ist und geschehen wird und gerade geschieht. Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit wären dann wie die Punkte auf einer Linie, sie haben verschiedene Positionen, sind aber immer vorhanden. Oder sie sind wie Linien auf einer Fläche. Eine Linie beginnt beispielsweise unten links und geht (vielleicht mit Kurven) nach oben rechts. Der Stift (körperlich-physisch), der die Linie zieht, ist zu jedem „Jetzt-Zeit-Punkt“ an genau nur einem Punkt zu finden. Aber er hinterlässt eine Linie (wie die Vergangenheit), die immer vorhanden ist, auch wenn der Stift schon längst wieder weggeräumt ist. Die ganze Linie von unten links nach oben rechts ist und bleibt sichtbar. Das liegt daran, dass es sich hierbei um ein räumliches Ereignis handelt, ein Ereignis, das sich im Raum fest manifestiert hat und seine Spur körperlich beständig hinterlassen hat.

Ist es aber nicht mit allen zeitlichen Ereignissen letztendlich so, dass sie in der Gesamtzeit (wie im Gesamt-Roman) vorhanden sind. Die Ereignisse der Vergangenheit bestimmen ja auch die Zukunft. In einem Stein sind in gewisser Weise die Ereignisse seit dem Urknall vorhanden, nur dass wir sie mit unserem Geist nicht mehr erleben können. Aber in einer zeitlichen Dimension oder Sphäre, in der alle Zeiten als gegenwärtig aufgehoben sind, könnten wir den Urknall, die ersten Sonnen, die Gesteinsbildung und die Bildung unserer Erde wie gegenwärtig erleben. Aber es ist gut, dass wir dies nicht können, unser Geist wäre vollkommen überfordert. Aber das bedeutet ja nicht, dass es diese Zeit-Dimension der umfassenden „Gegenwärtigkeit“ nicht tatsächlich gibt.

Wäre es denkbar, dass Energien bereits ein „Erkennen“ von Zeit-Räumen besitzen? Energien bewirken Veränderungen, möglicherweise „zielstrebig“ in eine Richtung (z.B. zusammenziehend wie die Gravitation oder ausweitend wie die Lichtstrahlen)? Sind Energien in einer anderen „Zeit-Sphäre“ oder Dimension unterwegs als das Körperlich-Materielle? Oder gibt es eigentlich nur Energien und gar keine Körper? Ist der „Jetzt-Zeit-Punkt“ der Gegenwart, wie wir ihn erleben, nur eine Hilfe für unseren Geist, damit wir nicht völlig überfordert und verwirrt wären? Viele Geheimnisse scheinen in der Zeit zu stecken.

Möglicherweise können besonders begabte Menschen im Bereich der Religion und Spiritualität diese „Über-Zeitlichkeit“ oder Ewigkeit (oder mehrdimensionale Zeit) erfahren. Und vielleicht können die meisten Menschen sie zumindest ahnen, vor allem im Bereich der erlebten Weite (Sonnenuntergang am Meer, weiter Blick vom Berggipfel, Flug über den Wolken, das Hören eines weit entfernten Lautes wie eines im Tal unter mir bellenden Hundes oder das Läuten von Kirchenglocken, sphärische Klänge, usw.).

Für mathematisch Interessierte möchte ich noch einmal auf die Verhältnisse von niedrigeren zu höheren klassischen Raum-Dimensionen eingehen (räumlich: Punkt, Linie, Fläche, Raum) und die Frage stellen, ob diese Verhältnisse vielleicht auch bei Zeit-Dimensionen gelten könnten.

Ich werde jetzt Beispiele für Raum-Dimensionen anführen, die nur näherungsweise den niedrigeren Dimensionen entsprechen, da alles, was wir körperlich sehen 3-dimensional ist. Punkt, Linie und Fläche können wir eigentlich gar nicht sehen, da sie volumenlos sind, erst in der 3-Dimensionalität (und mag sie noch so flach scheinen) werden Körper für uns sicht- und wahrnehmbar.

Wie verhält sich die höhere Dimension zur niedrigeren?

Eine Linie (höhere Dimension) gibt der niedrigeren, also den Punkten unendlich viel Raum. Selbst auf der kleinsten Linie finden unendlich viele Punkte Platz, da die Punkte in keiner Richtung eine Ausdehnung haben. Auf einer Fläche haben unendlich viele Linien Platz, auch wenn sie dann äußerst dicht beieinander liegen. Aber Linien haben nur eine Längen-Ausdehnung, aber keine Breite und Höhe, deshalb können unendlich viele Linien nebeneinander auf der Fläche liegen. Und in einem 3-dimensionalen Raum haben unendlich viele Flächen Platz, da eine reine Fläche keine Höhe hat.

Höhere Dimensionen „schenken“ somit den niedrigeren „Möglichkeiten-Raum“ für Lage-Variationen. Und höhere Dimensionen gewähren Überblick über die niedrigeren Dimensionen. Ein Punkt hat nicht die Möglichkeit, sich selbst zu „sehen“, da ihm die Möglichkeit fehlt, Abstand zu sich selbst zu nehmen. Aber wenn ich mich auf einer Linie bewege, kann ich von einem Punkt zum nächsten wandern und Abstand gewinnen, so dass ich auf den anderen Punkt blicken kann. Allerdings darf mir kein dritter Punkt dazwischen den Blick verstellen (blicke ich beispielsweise in einen Tunnel, kann ich bis zum nächsten Lichtpunkt bei einer Lampe blicken – kommt aber ein Zug durch den Tunnel, ist mir der Blick versperrt). Will ich alle drei Punkte sehen, muss ich nicht nur Abstand vom nächsten Punkt (der mir den Blick auf den weiter hinten gelegenen versperrt) nehmen, sondern ich muss die Linie (den Tunnel) verlassen und zur Seite gehen (mich auf einer 2-dimensionale Fläche bewegen). Blicke ich von der Seite auf die Linie, kann ich alle 3 Punkte (oder mehr) erkennen. Das wäre, als würde ich im Flachland auf einen vorbeifahrenden Zug blicken. Von vorne (Linie) könnte ich nur die Lokomotive erkennen, aber nicht die dahinter liegenden Waggons. Aber von der Seite kann ich den ganze Zug mit all seinen Waggons erkennen. Die Voraussetzung ist allerdings, dass kein Objekt mit Höhe dazwischen liegt. Ist zwischen mir und den Bahngleisen ein Haus oder ein kleiner Hügel, versperrt mir das die Sicht auf den Zug. Steige ich aber auf einen Berg (Höhe als 3. Dimension), so kann ich von oben wieder auf den vorbeifahrenden Zug blicken. Dabei kann ich auch das Tal mit seinen Wiesen, Wäldern, Flüssen, Dörfern und Straßen überblicken und im Gesamtzusammenhang erkennen.

Die höhere Raum-Dimension ermöglicht es mir also, Abstand zu nehmen und durch den Abstand Überblick zu gewinnen. Dabei kann allerdings Nähe verloren gehen.

Wie verhält sich die niedrigere Dimension zur höheren?

Die niedrigere Dimension begrenzt und individualisiert die höhere Dimension. Ein Raum wird beispielsweise durch (nahezu) flächige Wände begrenzt. Eine Fläche wird durch Linien begrenzt, z.B. durch Landesgrenzen. Eine Linie wird durch Punkte begrenzt und bekommt einen Anfangs- und Endpunkt (wichtig für Messungen). Die höhere Dimension wird also durch die niedrigere begrenzt und „ausgeschnitten“, so dass sie in kleineren, individuellen Einheiten erscheinen kann.

Sind Flächen, Linien und Punkte in der Wirklichkeit nur Hilfs-Vorstellungen unseres Geistes? Gibt es vielleicht in unserer Welt gar keine echten (volumenlose) Flächen, Linien und Punkte? Selbst die glatteste Wand besteht ja aus Atomen, die vermutlich ein Volumen haben, jede gezogene Linie muss aus 3-dimensionalen, sichtbaren Molekülen aus einem Stift oder Druck bestehen. Und jeder Punkt muss auf einer 3-dimensional erkennbaren Strecke liegen, und soll er sichtbar sein, muss auch der Punkt eine minimale 3-Dimensionalität besitzen. Was tatsächlich existiert, ist der geweitete Blick durch Abstand oder die Möglichkeit der Isolation und Individualisierung durch Abgrenzung (bei uns Menschen z.B. durch die Haut).

Wie steht es nun mit der Zeit?

An einem einzigen Zeit-Punkt können wir nichts erkennen, das einzige ist, der Zeit-Punkt des Jetzt „ist“ für einen Augenblick. Allerdings ist dies der Augenblick, in dem Kräfte wirken können, dieser Augenblick ist Wirklichkeit. Auch der räumliche Punkt ist der Punkt, an dem Wirkung geschieht. Wirkung geschieht an einem eindeutigen Ort und im eindeutigen Jetzt – jedenfalls erlebt es unser Geist so. Erleben wir allerdings mit unserem Geist eine Zeit-Strecke (Zeit-Raum oder Zeit-Linie), so können wir zurückschauen (oder in der Vorstellung voraus schauen) und können nicht nur den Zustand an einzelnen Jetzt-Zeit-Punkten erkennen, sondern wir können Veränderung wahrnehmen und Zusammenhänge erkennen. So wie man auch die räumlichen Zusammenhänge eines Tales vom Berggipfel aus erkennen kann, so kann man nun auf der Zeit-Strecke die Zusammenhänge durch Veränderung erkennen.

Zeit-Dimensionen und Daseins-Sinn-Empfinden

Lässt sich durch das Wahrnehmen von Zeit-Strecken und Ereignissen (Veränderungen) in der Zeitstrecke ein Daseins-Sinn erkennen? Ich würde sagen: nein. Ich würde zwar Wirkungs-Zusammenhänge verstehen, aber alle Wirkungen wären für mich neutral, sachlich einfach so, wie sie sind. Ich denke, tieferer Daseins-Sinn eröffnet sich mir aus einer höheren Zeit-Dimension, einer Zeit-Dimension, die ich normalerweise gar nicht bewusst wahrnehme sondern eher ahne. Vielleicht ist es eine Zeit-Dimension, in der ich gesamte Zeit-Räume in Gleichzeitigkeit überblicken kann und aus diesem Überblick das Ganze des Daseins aus unmittelbarer Nähe und zugleich aus Distanz in seinen Zusammenhängen erfassen und verstehen kann. Oder es gibt noch eine höhere Zeit-Dimension (vielleicht sogar eine alles umfassende Zeitlosigkeit)? Eine Zeit-Dimension, in welcher alles seinen ureigenen und ursprünglichen Wert findet, eine Zeit-Dimension, die die innerste Bewegungskraft dafür ist, dass ich mich freue, fürchte, hoffe, ja lebe. Eine Zeit-Dimension, die mein individuelles Leben übersteigt und doch auch in mir ist. Vielleicht können wir solch eine Zeit-Dimension manches mal ahnen. Vielleicht ist es eine Zeit-Dimension oder besser eine Sphäre, die wir nicht mehr logisch beschreiben können, die uns aber doch immer wieder berührt und uns im Innersten nahe ist.

März 2026