Geld als Information: Wert-Vorstellung und Wert-Versprechen
Kurze Quintessenz des Artikels:
- Überlegungen, wie das Geld nach und nach seine abstrakte Form angenommen hat. Tauschen beginnt bereits bei Tieren. Mit Geld wird der Wert gemeinschaftlich abstrahiert und allgemein vergleichbar. „Aufwand“ und der Größenwert des „Habenwollens“ (Nachfrage) werden mit dem abstrakten, allgemein gültigen Geldwert miteinander abgeglichen. Die Zusammenhänge der Wertzuschreibung an das Geld sind sehr komplex und schwer durchschaubar. Experten, wie beispielsweise Spekulanten, bekommen daher große Macht.
- Geld als Wert existiert nur in unseren Köpfen, ist eine Wert-Vorstellung. Wir vertrauen darauf, dass Geld einen Wert hat, der nicht mit der materiellen Seite (z.B. Papiergeld, Kontogeld) des Geldes zusammenhängt. Nur durch unser Vertrauen auf das im Geld steckende Wert-Versprechen funktioniert der Handel mit Geld.
- Geld eröffnet dem Handel riesige Möglichkeiten-Räume. Der Käufer muss nicht mehr überlegen, was dem Verkäufer als Gegenleistung gefallen könnte (so wie es beim materiellen Tauschhandel war), sondern der Käufer gibt dem Verkäufer durch das Geld das virtuelle Versprechen: „dafür kannst du dir in der gleichen (durch Menschen festgelegten) Preisklasse etwas kaufen – egal worum es sich handelt, und was immer du möchtest“.
- Geld als Zahlengröße ist 1-dimensional und somit nicht an Raum und Zeit gebunden: Geldbeträge können somit per Internet verschickt werden, Geld kann virtuell vermehrt werden, der Geldwert kann zwar schwanken, aber er altert nicht biologisch oder chemisch (im Gegensatz z.B. zu Gemüse, das schnell verkauft werden muss), er ist nicht an individuelle Personen gebunden, der Geldwert ist überwiegend anonym-gemeinschaftlich (dagegen hat ein Gegenstand oder eine Leistung für jeden einen eigenen individuellen Wert), der Geldwert gilt für die ganze Gemeinschaft, die eine gemeinsame Währung benutzt, und er kann innerhalb dieser Gemeinschaft für jegliche Art von Ware oder Dienstleistung als Zahlungsmittel getauscht werden.
- Je wichtiger Geld in der Gesellschaft wird, desto größer wird die Gefahr, dass rein rechnerisches Denken und Werten auch auf Bereiche übertragen wird, die sich eigentlich einer rein rechnerischen Bewertung entziehen (z.B. Freundschaft, Freude, Schönheit, Ahnungen, Spiritualität, Offenheit, usw.). So kann ich meinen, mit Hilfe von viel Geld, schöne Dinge, spirituelle Reisen oder Freunde erwerben zu können und übersehe dabei, dass für das Erleben von Schönheit, Spiritualität oder Freundschaft auch und vor allem meine innere Bereitschaft und Öffnung gegeben sein muss.
„Tauschen“ bei Pflanzen und möglicherweise „Tauschhandel“ bei Tieren
Vor der Verwendung von Gegenständen als reguläres Geld-Tauschmittel hat die Natur das Tauschen schon längst entwickelt. Das findet sich in der Symbiose (z.B. bestehen Flechten aus Pilzen und Algen, wobei die Pilze in der Flechte die Struktur bilden und Nährstoffe zur Verfügung stellen, und die Grün- oder Blaualgen mit ihrer Fotosynthese liefern Energie), oder Bienen bestäuben Blüten und bekommen dafür Pollen und Honig. Ob bei diesen Vorgängen auf irgendeiner Ebene Bewusstsein mit dabei ist, ist zumindest zweifelhaft. Daher ist es etwas problematisch, diese Vorgänge als Tausch-Handel zu bezeichnen.
Es gibt aber Tiere, die das Tauschen wohl schon bewusster oder zumindest „halb bewusst“ ausführen. Da bei der Paarung zwei Tiere einer Art sich vereinigen müssen, gibt es bei höher entwickelten Tieren Balzrituale. Das Männchen beweist dabei meist auf verschiedene Weise, dass es stark, kräftig und gesund ist und somit gut lebensfähige Junge zeugen kann. Das Weibchen stellt auf ihrer Seite den Körper und die Pflege der Jungen zur Verfügung. Aber auch hier stellt sich die Frage, ob den Tieren überhaupt bewusst ist, dass sie hier etwas austauschen, möglicherweise folgen sie nur blind ihren Instinkten. Es gibt aber auch Vögel, bei der die Männchen bei der Balz dem Weibchen symbolische Geschenke machen (etwas Nahrung, oder auch einen schönen Gegenstand), die das Weibchen willig stimmen können. Möglicherweise ist hier schon eine Spur von Bewusstsein vorhanden, wenn auch der Instinkt im Vordergrund stehen dürfte. Bei Haushunden ist der Tauschhandel schon deutlich bewusster: so werden Hunde durch Belohnung trainiert (z.B. ein Stöckchen zu holen, „Männchen“ zu machen, oder bei der Polizei Drogen zu finden oder Verschüttete unter einer Lawine). Sie erhalten als Belohnung für die gewünschte Handlung ein „Leckerli“ zum Fressen. Hier ist der Tauschhandel schon greifbar: der Hund erbringt aus dem Wissen, dass dies die Menschen möchten, eine Dienstleistung, und der Mensch belohnt sie mit etwas Leckerem. Das „Leckerli“ wird dabei – wenn es regelmäßig als Belohnung eingesetzt wird und nicht als Nahrung – schon dem menschlichen Geld ähnlicher. Allerdings wird ein Hund das Leckerli kaum aufheben, um es einem anderen Hund zu geben, damit dieser etwas bestimmtes tut (z.B. den Lieblingsplatz frei machen). Aber es wäre nicht völlig undenkbar.
Wechselseitige Werte
Bei Algen und anderen einfachen Symbionten funktioniert der Tausch einfach deshalb, weil die Tauschenden den Naturgesetzen folgen (genetisch festgelegte Entwicklung) und dies den Symbionten über die Zeit einen evolutionären Vorteil sichert. Diesen Vorteil und das Zusammenwirken zu erkennen, ist vermutlich den Symbionten nicht möglich, da sie dazu sehr wahrscheinlich nicht das nötige Bewusstsein besitzen. Sie erkennen nicht bewusst den Wert dessen, was der andere bietet, vermutlich „bewertet“ alleine die evolutionäre Auslese den „Tauschhandel“.
Bienen hingegen dürften wahrscheinlich den Wert einer Blüte für ihr Honigsammeln bereits erkennen, sie teilen diesen Wert einer gefundenen Blütentracht sogar den anderen Bienen im Stock durch ihren Schwänzeltanz mit (Entfernung, Richtung, Ertrag). Ein für uns erstaunlicher Vorgang.
Bei Mensch und Hund kann es schon zu einer ganz einfachen Form des Feilschens kommen. Wenn der Hund etwas Bestimmtes tun soll, kann der Mensch ihm ein Leckerli (d.h. eine kleine Ess-Belohnung) zeigen. Und wenn das nicht wirkt, kann der Mensch sogar noch ein anderes, beim Hund noch beliebteres Leckerli hervorholen. Ein Hund hingegen kann sich durchaus auf das „Betteln“ verstehen, kann also durch sein Verhalten zeigen (Winseln, sich aufrichten, Kopf schief halten, usw.), dass er mehr oder bessere Leckerli möchte oder von den Speisen, die auf dem Esstisch stehen, etwas abhaben möchte. Dafür kann er sich sehr „lieb“ geben und so das Herz des Menschen „erweichen“: sein „Tauschobjekt“ ist es, dass er den Menschen Freude und das Gefühl von Beziehung gibt. Darauf kann der Mensch mit Zustimmung oder auch mit Ablehnung reagieren, z.B. mit den Worten: „Nein, das bekommst du jetzt nicht – du wirst schon zu dick und träge“. Manchmal „feilscht“ der Hund aber länger und erhält schließlich doch das Gewünschte. Im Gegensatz zum Handel mit Geld sind hierbei noch auf beiden Seiten Wünsche und Gefühle mit einbezogen, ist alles Handeln einmalig, individuell, und persönlich lebendig.
Menschlicher Tauschhandel und moderner Handel – Veränderung
Vermutlich kennen Menschen den Tauschhandel schon seit sie sich zu Menschen entwickelt haben. Damit Tauschhandel umfangreicher und präziser werden kann, ist Sprache notwendig. Sogar schon bei Hunden spielen Sprache oder Gestik eine Rolle: mit Befehlen wie „such!“ oder „bring!“ oder durch Deuten mit dem Finger. Je ausführlicher sich eine gemeinsame Sprache oder Gestik entwickelt hat, desto ausführlicher kann der Tausch besprochen (oder durch Gesten angedeutet) werden: geklärt werden kann so, was der eine Tauschpartner wann (wenn es schon Zeitbegriffe gibt) und wo (dafür sind Ortsbegriffe oder zeigende Gesten notwendig) anbietet oder leistet (z.B. eine Pfeilspitze aus seinem Lager). Und der andere Tauschpartner kann anbieten, was er dafür wann, wo und in welcher Form – und wenn es das Zählen schon gibt – in welcher Menge erhält (z.B. eine Anzahl Früchte).
Je komplexer der Tauschhandel wird, desto „abstrakter“ (oder virtueller) können die verwendeten nötigen Begriffe (oder Andeutungen durch Handlungen) werden. Der Tauschhandel kann dann lange vorab besprochen werden und auch in eine weiter entfernte Zukunft verschoben werden (z.B.: „Ich leihe dir meine Kamera und du bringst mir dafür aus dem Urlaubsland dies oder jenes mit…“). Das Feilschen kann verpönt sein oder zu einem guten Tauschhandel mit dazu gehören. Die Waren und Dienstleistungen stellen dann auch nicht mehr einen rein materiell-funktionellen naturgesetzlichen Wert dar. Waren können (ungeschickt oder sehr geschickt) angepriesen werden – und damit kann sich in der Vorstellung des interessierten Käufers der Wert steigern. Der Käufer hingegen kann das Angebotene sprachlich und mit abschätziger Mimik abwerten und somit hoffen, dass für den Verkäufer vor dessen innerem Auge sein Angebot an Wert verliert, und er weniger Gegenleistung verlangt (im Tauschhandel also einen weniger wert-geschätzter Tauschgegenstand akzeptiert wird). Die Wert-Schätzung der Waren oder Dienstleistungen werden mit Worten – aber noch ohne abstrakt bezifferbare Geldwerte – miteinander abgeglichen.
Hier wird deutlich, wie bei sprachbegabten Lebewesen die Idee von Gebrauchswert und Nützlichkeit (oder von Freude, Schönheit, usw.) zuerst in der Vorstellung entstehen und bewusst benennbar werden müssen, damit darüber gesprochen und verhandelt werden kann. Die Wertvorstellungen können dann auch noch auf beiden Seiten durch weitere Informationen und auch durch die Beurteilungen anderer beeinflusst werden.
Es zeigt sich, dass die Komplexität des Handels mit der Fähigkeit wächst, eine abstrahierte Sprache zu verwenden. So werden verwendet: Orts-Angaben und Zeit-Angaben über immer größere Orts- und Zeit-Räume, Erreichbarkeit, Lieferbarkeit, Formulierungen zu Angaben von Aufwand, Nützlichkeit, Schönheit, Haltbarkeit, Bereitschaft und Flexibilität (Dienstleistungen), mögliche Zugaben, Variationsbreite des Angebots (z.B. verschiedenfarbige Ausführungen), Wert und Wertsteigerungen, Wechselwirkungen (z.B. ein Gerät das gut mit einem anderen Teil zusammen einzusetzen ist), Transport, Handelsgesetze, Zölle, usw. usw.. Durch unsere abstrahierende und komplexe Sprachfähigkeit, samt Planungen und Dokumentationen, eröffnen sich immer mehr Möglichkeiten zu immer verwickelteren Handelsbeziehungen und Geschäftsabschlüssen. Und dann kommt noch das Geld als offener Erwerbs-Möglichkeiten-Raum mit der abstrakten (aber 1-dimensionalen) Verbindung zum Wert hinzu.
Werte als reine Vorstellung
Der Tauschwert wird im Handel zu einer eigenen, selbstständigen, veränderbaren, virtuellen und vorgestellten nicht-materiellen Größe. So hätte früher ein Dialog so ablaufen können: „Ich habe wunderschöne Äpfel, und wenn du mir dafür eine Dose mit Salz gibst, dann bekommst du einen vollen Korb von meinen Äpfeln.“ Antwort: „Ich habe selbst wenig Salz und Äpfel hab ich noch genug, also behalt sie mal“. Neues Angebot: „Wenn du keine Äpfel magst, ich hätte noch ein Huhn zum abgeben.“ – „Nein, Salz ist mir wichtiger, behalte auch dein Huhn“ – „und zwei Hühner, magst du die auch nicht, kannst mir auch nur eine kleinere Menge Salz geben, dann hast du noch und ich hab auch welches? Denk an die vielen Eier, die du von den Hühnern bekommst – aber entscheide dich schnell, sonst tut mir mein Angebot leid…“ – „ok, zwei Hühner und nur die Hälfte aus meinem Salzfass.“
Beim Tauschhandel entstehen die Werte der Tauschobjekte in den Köpfen der Tauschenden, und sie können noch kräftig variieren. Die Werte sind eine Vorstellung und kein Gegenstand, sie sind die Vorstellung von Bedeutung und Nützlichkeitswert für individuelle Personen – dieser Wert kann bei zwei Tauschenden übereinstimmen oder sehr unterschiedlich sein. Dann kann der eine versuchen den anderen von seiner abweichenden Wert-Vorstellung (mehr oder weniger wert) zu überzeugen. Erst wenn zwei Objekte gefunden wurden, die beide Tauschende als ungefähr gleich wertvoll für sich selbst ansehen, kann ein Tausch entstehen, der beide glücklich macht, weil jeder für sich – entsprechend seiner Bedürfnisse – eine Wert-Vermehrung wahrnimmt: was jeder jeweils an den anderen weg gibt, ist ihm selbst weniger wert, als das, was er vom anderen erhält. Der Tausch funktioniert über ganz persönliche Bewertungen.
Die Werte des Tauschhandels legen also die Tauschenden fest. Die Werte sind bis zur Einigung (also bis beide in den Tauschhandel „einschlagen“) veränderbar und keine „festgeschriebene“ Größe. Erst die wechselseitige Zustimmung schreibt die Wertgröße für beide Seiten fest. Diese Festschreibung gilt dann nur für diesen einen Tausch und für diese beiden Beteiligten. Für andere Tauschhandels-Abläufe können die gleichen Gegenstände oder Leistungen aber wieder ganz anders bewertet werden. Diese Flexibilität der Wert-Einschätzung war aus mehreren Gründen nützlich: verschiedene Personen messen ein und dem selben Tauschobjekt unterschiedlichen Wert bei. Der Wert kann sich durch die Zeit verändern (Lebensmittel altern und werden dann weniger begehrt). Objekte aus der Natur können sehr variieren, so z.B. Äpfel (grüne, rote, große, kleine, saure, süße, usw.) und werden für verschiedene Menschen unterschiedlich begehrenswert sein. Das ist natürlich auch beim Handel mit Geld der Fall. Aber erstens verkaufen Händler heute meist größere Mengen als dies früher Einzelpersonen oder Markfrauen taten, und somit können die Händler auf ein paar Kunden verzichten, die für eine Apfelsorte nur wenig zahlen würden. Und zweitens sind heutzutage die angebotenen Waren oft viel gleichförmiger als früher (die Äpfel einer Sorte sehen sehr gleich aus, Autos gleichen Typs kommen quasi identisch aus der Produktion, Smartphones eines Typs werden wahrscheinlich in millionenfacher Stückzahl produziert). Früher hatten die meisten Waren viel mehr Nähe zum Individuellen und Einmaligen und damit wurde auch der Vorgang des Handelns individueller und einmaliger. Natürlich sahen Äpfel von einem Baum alle ähnlich aus, aber so gleich und genormt, wie sie heute im Verkaufsregal wirken, waren sie bestimmt nicht (manche waren kleiner, andere größer, manche reifer, andere noch grüner, manche hatten Flecken, vielleicht sogar Maden, andere wirkten makellos – obwohl sie alle vom gleichen Baum waren). Diese in früheren Zeiten bestehende Wechselhaftigkeit der Waren bedingte auch eine stärkere Schwankung der Wertschätzung. Entsprechend war früher auf Märkten das Handeln und Feilschen durchaus üblich, während heute im Supermarkt oder Kaufhaus niemand mehr daran denkt. Hier werden die Preise im Überblick über große Produktionsprozesse und in der Erwartung eines durchschnittlichen Kundenverhaltens erstellt. Überraschenderweise taucht aber beim online-Verkauf von gebrauchten Waren das Individuelle beim Handel teilweise wieder auf. Interessanterweise wirbt zur Zeit (März 2026) das Portal „Kleinanzeigen“ (privater Verkauf gebrauchter Dinge) damit, dass man bei diesen Verkäufen wirklichen Menschen begegnen kann, und dass es dabei lebendig zugeht.
Die Werte von Gegenständen und Leistungen, die nicht industriell immer gleich gefertigt werden, und die von einzelnen Personen in je individuellen Situationen getauscht werden, sind nicht eindeutig im Voraus allgemein feststellbar und festlegbar. Erst die Fertigung von fast gleich aussehenden, genormten Gegenständen, oder die Erbringung von nützlichen Leistungen, die genormt bezeichnet und gemessen werden können (z.B. Taxifahrt von bestimmter Dauer oder Strecke), können zur Entstehung von allgemeiner festgelegten Werten führen, die auch länger und vielerorts gelten. Diese Werte ermöglichen es zahlreichen Personen, viele Waren mit einem vom Händler im Voraus festgelegten, länger geltenden Preis zu erwerben. Und da die Gestalt der Waren und der Preis zuverlässig gleich bleiben, sollten bei einem normalen Verkauf beide Seiten zufrieden sein – auch ohne Feilschen. Die Vorstellungen über die Wertigkeit der Ware in den Köpfen der Anbieter als auch der Käufer schwanken nicht mehr so stark wie beim Tauschhandel. Wobei sich sicher auch beim Tauschhandel oft schon gewisse „Gewohnheiten“ eingespielt haben – aber die waren eben „verhandelbar“.
Wahrscheinlich haben schon früh Naturprodukte und einigermaßen einheitlich gefertigte Waren zum Verallgemeinern von Wertvorstellungen in sich gut kennenden Gruppen geführt. So ist vorstellbar, dass der Bronzezeit-Schmied sein Messer für 3 erbeutete Hasen abgab, und dass dies eine übliche Tauschvereinbarung war. Dann konnte ein Einzelner den Preis meist nur noch in kleinem Rahmen ändern (z.B. indem die Hasen als besonders klein bemängelt werden oder das Messer als nicht scharf genug). Die eingespielte Gewohnheit einer Dorfgemeinschaft würde damit das traditionell (im Groben) bestimmende Werte-Maß für häufig ablaufende Tauschhandlungen. Bei ungewöhnlichen Tauschhandlungen (z.B. einer findet einen interessanten, ungewöhnlichen Stein, der die Bewohner fasziniert) ist die Wert-Zuschreibung aber noch offen (es gibt noch keine eindeutige Vorstellung in den Köpfen). Die Wert-Zuschreibung hängt dann ganz von den persönlichen und oft noch schwankenden Wert-Vorstellungen des Besitzers und der Interessenten ab.
Vom Wert, der in der Vorstellung einer Gruppe ungefähr gleich ist hin zum gleichförmigen Wert-Maß: dem Geld – Geld wird ein Wert-Versprechen
Damit Geld entstehen konnte, brauchte es eine größere Gruppe, die sich im Wert eines bestimmten Gegenstandes ziemlich einig war. Dieser Gegenstand musste in den Vorstellungen der Köpfe mit bestimmten, gleich bleibenden Gegenwerten verbunden sein. Und es musste die Sicherheit gewährleistet sein, dass es immer Interessenten für diesen festgelegten Gegenstand geben würde, die bereit wären, eine Gegenleistung, die dem allgemeinen Wert-Verständnis des Gegenstandes entsprachen, zu erbringen. Denn wenn plötzlich niemand mehr an diesem festgelegten Wert-Gegenstand Interesse hätte, würde er wertlos.
Das gilt noch heute für unser Geld: wenn plötzlich sich niemand mehr für eine bestimmte Form des Geldes interessieren würde, hätte es keinen Wert mehr. Der Wert besteht im Grunde nur in den Köpfen von Käufer und Verkäufer (Auch bei Aktien sieht man, wie ein virtueller Wert plötzlich ganz stark steigen oder sinken kann). Daher ist der Wert um so sicherer, je mehr Menschen sich auf einen festgelegten Gegenstand mit einem festgelegten Wert einigen.
So liegt es nahe, dass die ersten Formen von Geld aus Gegenständen entstanden, die allgemein sehr beliebt waren: schmucke Federn, schöne Muscheln und dort, wo man schon Metalle gewinnen konnte eben Gold und Silber. Federn oder Muscheln konnte man gut zählen – aber Gold und Silber waren schwerer in ihrer Masse abzuschätzen. So wurde es praktischer, einheitliche Silber- und Goldmünzen zu prägen, von denen das Gewicht bekannt war.
Geld als Ausdruck des Haben-Wollens
Und mit diesen Gegenständen hat sich die virtuelle und oft persönlich-individuelle Wertvorstellung der Menschen vergegenständlicht. Es gab nun nicht nur mehr die Wert-Vorstellungen, die man wortgewandt austauschen konnte, sondern es gab „handfest“, materiell festgelegte ausgedrückte Wert-Vorstellungen – Vorstellungen die in einer größeren Gruppe eingehalten wurden und damit solange verlässlich galten, als die Gruppe sich darin einig war. Allerdings konnte die übermäßige Vermehrung von diesen materiellen Wert-Vorstellungen einen negativen Einfluss auf den anwendbaren Wert haben – denn wenn es zu viel von einem solchen Zahlungsmittel gab, wollten bald darauf Anbieter auch mehr davon für ihre Waren – es entstand Inflation, die alle Besitzer eines Zahlungsmittels durch Ent-wertung betraf, da es allgemein in der Vorstellung nicht mehr so hoch wert-geschätzt wurde. Daran zeigt sich, dass der Wert von Zahlungsmitteln immer noch in hohem Maße eine Wertvorstellung in den Köpfen der Menschen ist. Gold wurde wohl immer und weltweit geschätzt. Aber wenn Gold so häufig wäre wie Sand am Meeresstrand, dann wäre wohl niemand darauf gekommen, es als Zahlungsmittel (in Münzen) zu verwenden – obwohl es sich um das gleiche Element handeln würde, aus dem Münzen in Zeiten von wenig Gold geprägt und vor allem wegen ihres vorgestellten Wertes begehrt wurden. Rare aber begehrte Waren haben einen hohen Wert, aber das gilt nicht nur für Waren sondern auch für das Geld selbst. Es ist das Besitzen wollen von der Möglichkeit, etwas gegen das Geld einzutauschen, das dem Geld seinen Wert gibt. Geld ist ein Abbild des „Haben-wollens“ (von was auch immer, von existentiell Notwendigen bis zu völlig Nutzlosen, das man aber haben möchte).
Begehrte man früher einfach direkt notwendige oder nur gewünschte Gegenstände und Leistungen, so wurde nun das Begehren selbst, das Wertvoll-Sein im Geld materiell greifbar und konnte gesammelt und angehäuft werden. Damit konnte auch Reichtum ins fast Unermessliche steigen.
Geld als Werte-Versprechen
Geld ist ein Werte-Versprechen – nicht für die Ewigkeit, aber doch meist (wenn die Inflation niedrig bleibt) für absehbare Zeiträume.
Ein Werte-Versprechen ist aber nicht wirklich an die materielle Wirklichkeit gebunden. Es kann von ihr gelöst werden. Zuerst ersetzte man einen großen Teil der Geldmünzen durch Geldscheine, die nicht einmal mehr rein materiell einen brauchbaren Wert hatten (also anders als Gold und Silber). Die Metallmünzen hatten zwar vor nicht allzu langer Zeit noch einen guten Metallwert, aber das Papier für das Papiergeld war nur wertvoll, wenn es als Geld betrachtet wurde. Doch da es beim Geld immer mehr um den reinen Vorstellungswert – also um das eingehaltene Werte-Versprechen ging, war das kaum ein Problem.
Und so wurden auch die neueren Entwicklungen möglich: Geld das nur noch als Zahl auf dem Konto besteht und kaum mehr durch entsprechende materielle Gegenwerte gedeckt ist. So lange aber alle diesen virtuellen Geldzahlen vertrauen und zuversichtlich meinen, stets für virtuelles Geld materielle Werte oder Leistungswerte erhalten zu können, scheint alles in Ordnung.
Geld funktioniert nur mit Vertrauen auf seinen ihm zugeschriebenen Wert. So wie Geld auf Vertrauen beruht, so kann es umgekehrt auch Misstrauen wecken: ist mein Geld morgen noch genug wert? Kann es mir jemand stehlen? Geld kann nicht sinnvoll für sich alleine stehen: als Schiffsbrüchiger auf einer einsamen Insel wäre ich bitter arm, selbst wenn Kisten mit Geld und Gold vom Schiff an den Strand gespült würden. Würde ich Eingeborene entdecken, könnte ich mit dem Geld bei ihnen auch nichts erwerben. Nur meine Freundlichkeit und ihre Hilfsbereitschaft und Neugier könnten mir helfen, damit sie mich wohlwollend bei ihnen aufnehmen und ich überleben kann.
Mit Geld wird der Wert gemeinschaftlich abstrahiert und allgemein vergleichbar. „Aufwand“ und der Größenwert des „Habenwollens“ (Nachfrage) werden mit dem abstrakten, allgemein gültigen Geldwert miteinander abgeglichen. Doch ist dies eine starke Vereinfachung: der Prozess, mit dem Geld als Wert gemeinschaftlich abstrahiert wird, erscheint sehr komplex und für mich und viele letzten Endes undurchschaubar. Banken, Staaten, Politik, Gesetze, Aktien, Ereignisse, Spekulationen, Käufer, Verkäufer, Wirtschaft, Produktionsprozesse, Subventionen, Handelsbeziehungen, Goldwert, Leitwährung: all das scheint in verflochtener Weise mitzuwirken, wenn der Geldwert durch Inflation abnimmt oder durch Deflation zunimmt. Sogar Politiker scheinen nicht mehr immer zu verstehen, beim Geldfluss und beim Geldwert alles eine Rolle spielt. Spekulanten aber haben sich tief eingearbeitet und können die Veränderungen der Komponenten für sich nutzen – damit bekommen sie eine große Macht.
Einerseits ist das Werten durch Geldbeträge eine riesige Erleichterung für den Handel und das Zusammenleben, andererseits schafft es teilweise schwer durchschaubare Wirklichkeiten.
Inzwischen gibt es sogar die Krypto-Währungen, die noch abstrakter, verschlüsselter und virtueller sind, als Geld auf Bankkonten – doch bin ich damit zu wenig vertraut, um dieses Geld und dessen „Gewinnung“ aus dem scheinbaren „Nichts“ zu verstehen. Ob die Experten die Folgen der Zunahme von Kryptowährungen schon abschätzen können?
Und hier noch eine Sciencefiction-Vorstellung zum Geld (nicht ganz ernst gemeint): wenn die KI eines Tages uns in allen Bereichen versorgen sollte, würde sie auch unsere Einkäufe und Beschaffungen erledigen. Die Industrie wäre völlig robotisiert. Dann hätten wir Menschen auch kein Geld mehr nötig, vielmehr bekämen wir „Bezugsrechte“, ausgedrückt in Punkten. Ein junger Mensch bekäme beispielsweise neben dem Nötigen viel Bezugsrechte für Reise und Spaß und Begegnung, ein alter, kranker Mensch bekäme viele Bezugsrechte für Medikamente, Behandlungen und gesunde Trainingsstunden für Rücken usw.. Wer mit seinen Bezugsrechten nicht einverstanden ist, kann Änderungsanträge stellen, die dann von der KI geprüft werden. Um den Menschen das Gefühl von Freiheit zu geben, gibt es Frei-Spielräume, in denen sie die Bezugspunkte in einem Bereich für frei wählbare Waren oder Dienstleistungen (sofern verfügbar) verwenden dürfen. Die KI bringt kein Geld mehr in Umlauf, sondern berücksichtigt alle Notwendigkeiten einer Gesellschaft und schiebt die Berechtigungen mit hoch-komplizierten Algorithmen je nach errechnetem Bedarf hin und her. Wäre das eine glückliche Zukunft oder ein Alptraum?
Geld als Zahl für Wertgrößen ist niedriger dimensional als die 3-dimensionale materielle körperliche Welt und damit erhält Geld seine Beweglichkeit
Zahlen habe nicht Raum und Zeit, sind nicht materiell. Sie sind somit weder räumlich 3-dimensional noch zeitlich ausgedehnt. Sie verbinden in der Vorstellung zwei Punkte durch eine Linie: den Nullpunkt und den Enpunkt. Zahlen sind somit 1-dimensional. Und diese Eindimensionalität macht sie enorm verfügbar: sie können verändert werden (vergrößert und verkleinert), sie können beliebig oft geteilt oder multipliziert werden, sie können kopiert werden, können in Windeseile per Computer um die Welt geschickt werden. Zahlen sind als Zahl nicht vergänglich und altern nicht.
Diese Eigenschaften der Niedrig-Dimensionalität hat riesige Vorteile gegenüber dem materiellen Geld wie Geldmünzen und Geldscheinen. Es ist eine beliebig schnellstens verschickbare Wert-Garantie, ein Wert-Versprechen, ein Werte-Möglichkeitenraum der durch das Internet überall hin gebracht werden kann. Es ermöglicht schnellsten Handel rund um die Erde. Aber es ermöglicht auch das übermäßige Vermehren von Geld, sogar ohne das Drucken von Geldscheinen. Es ermöglicht die Kontrolle von Geldströmen (gleich ob gewünscht oder ungewünscht), denn digitale Vorgänge sind kopierbar, sind dokumentierbar, sind auch von Hackern beeinflussbar. Die Eigenschaften von Geld ändern sich mit zunehmender Digitalisierung des Geldes – und damit verändert es die Welt sehr stark.
Noch einmal ein kurzer Überblick über Geld als 1-dimensionale Zahlengröße: Geld ist nicht an Raum und Zeit gebunden: Geldbeträge können somit per Internet verschickt werden, Geld kann virtuell vermehrt werden, der Geldwert altert nicht (im Gegensatz z.B. zu Gemüse, das schnell verkauft werden muss), er ist nicht an individuelle Personen gebunden, der Geldwert ist anonym-gemeinschaftlich (dagegen hat ein Gegenstand oder eine Leistung für jeden einen eigenen individuellen Wert), der Geldwert gilt für die ganze Gemeinschaft, die eine gemeinsame Währung benutzt, und er kann für jegliche Art von Ware oder Dienstleistung als Zahlungsmittel getauscht werden.
Solange Geld gemeinschaftlich anerkannt wird, ist es ein offener Möglichkeitenraum
Geld ist heutzutage eine reine Größen-Information, und zwar eine Information über die Menge der zuvor vorgestellten Werte (Gegenstände oder Leistungen), die ich damit erwerben kann.
Da der Wert des Geldes eine kollektive, gemeinsame Vorstellung ist, ist das Geld reine als niedrig-dimensionale Zahl für alles einsetzbar, was einen Verkaufswert hat. Es ist von sich aus an nichts gebunden. Nur die Wertschätzung des Besitzers für sein Produktes kann einen Verkauf verhindern (oder gesetzliche Vorschriften oder praktische Hindernisse).
Geld eröffnet dem Handel riesige Möglichkeiten-Räume. Der Käufer muss nicht mehr überlegen, was dem Verkäufer als Gegenleistung gefallen könnte (so wie es beim materiellen Tauschhandel war), sondern der Käufer gibt dem Verkäufer durch das Geld das virtuelle Versprechen: „dafür kannst du dir in der gleichen Preisklasse etwas kaufen – egal worum es sich handelt, und was immer du möchtest“.
Geld bietet damit die unglaublich vielen Möglichkeiten, etwas zu erwerben – völlig unabhängig davon, ob ich dem Verkäufer etwas anbieten kann, das ihn jetzt gerade interessiert. Alles, was irgendwo zum Verkauf steht (und den Gesetzen und technischen Möglichkeiten nicht widerspricht) kann ich mit genügend Geld erwerben. Wie kompliziert wäre es bis hin zu unmöglich, in unserer Welt zu überleben, wenn es kein Geld gäbe, und ich jedem, der mir etwas gibt, etwas ihm gleichwertig Erscheinendes als Gegengabe überreichen (oder leisten) müsste: für die Kartoffeln, für den Unterricht des Kindes, für eine Fahrgelegenheit, für ein Foto, für Unterhaltung, für ein Pflaster, usw. usw.. Geld zu besitzen, heißt frei wählbare Möglichkeiten zu besitzen. Wer gerne viel Geld hat, möchte viele frei wählbare Möglichkeiten besitzen, wer zu wenig Geld hat, hat nur ganz enge Wahlmöglichkeiten. Diese Aussage betrifft aber glücklicherweise nicht das, was unverkäuflich ist: echte Freundschaft, Glück in der Liebe, Spiritualität, Hilfsbereitschaft aus Empathie, Empfinden von Schönheit z.B. in der Natur, usw..
Ein zweiter Versuch, sich dem Funktionieren von Geld zu nähern:
Geld als Information und nicht-materielles, anonymisiertes Wert-Vertrauen
Geld erwuchs aus dem Vertrauen, dass verschiedenste Menschen einen Gegenstand wertschätzen würden und ihn daher als Tausch-Handels-Objekt auch anstatt einer Sache annehmen würden, die tatsächlich aktuell gebraucht würde. Der Schmied konnte so für ein Hufeisen vom Kunden auch Münzen annehmen, von denen er wusste, er (der Schmied) könnte mit diesen Münzen auch den Erwerb von Eisen bezahlen. Und der Eisenhändler wusste, dass er mit diesen Münzen Arbeiter entlohnen konnte. Es musste sich keiner mehr beim Kauf Gedanken darüber machen, was der Anbieter denn als Tausch annehmen würde.
Die Menschen waren darüber informiert, dass die Münzen aus wertvollem Metall bestanden, und sie vertrauten darauf, dass sie immer einen Händler oder Dienstleister finden würden, der ihnen für diese Münzen etwas Gewünschtes verkaufen würden.
Damit diese Form des Handels möglich wurde, waren Information und Vertrauen wichtig: die Information, dass die Münze echt war (dazu musste sie den beiden einen Kauf abschließenden Personen im Aussehen bekannt und wieder erkennbar sein). Und der Empfänger des Geldes (Verkäufer) musste darum wissen, dass er darauf vertrauen konnte, dass auch andere Personen die Münzen als Zahlungsmittel, also als Tauschgegenstand, annehmen würden.
Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Vertrauen erst nach und nach mit den Münzen verbunden wurde. Anfangs nahmen vielleicht nur Händler solche Münzen an, die wussten, dass sie Leute kannten, bei denen sie selbst etwas mit den Münzen quasi fast noch in einem Tauschhandel erwerben konnten. Ein Bauer hätte aber vielleicht gesagt: „Was willst du mit diesen Metallplättchen, die kann ich nicht essen oder sonst irgendwie benutzen. Behalte sie und ich behalte meine Eier, wenn du mir nichts Nützlicheres zum Tausch anbieten kannst.“
Doch nach und nach erhielt der Bauer die Nachricht, also die Information (und konnte es am Markt selbst beobachten), dass schon einige Nachbarsbauern auf dem Markt Münzen für ihr Gemüse entgegennahmen und anschließend damit eine Sense kauften. So entschloss er sich, selbst einmal Münzen für seine Eier anzunehmen. Er vertraute – noch etwas zweifelnd – darauf, dass er für die Münzen selbst wieder Salz einkaufen könnte. Und nachdem das funktionierte berichtete er anderen über diese unkomplizierten „Tauschgeschäfte“ bei denen man nicht mehr genau das dem Händler anbieten musste, was dieser brauchen konnte, sondern alle am Markt waren zufrieden mit Geld-Münzen und tauschten ihre Waren inzwischen bereitwillig gegen diese Münzen, mit denen tatsächlich die meisten eigentlich nichts hätten anfangen können, außer sie wiederum einzutauschen und mit ihnen etwas anderes zu erwerben. Bald wussten fast alle in der Umgebung vom Münzgeld und erkannten, wie praktisch die Tausch-Geschäfte mit Geld waren. Waren-Tauschgeschäfte gab es schnell nur noch im privaten Bereich, aber nicht mehr auf dem Markt. So zumindest stelle ich mir die Einführung der Geldwirtschaft vor.
Konnte man Waren ohne viel Wissen und Information, ja sogar ohne größere Sprachkenntnisse tauschen, konnte man doch sehen, was der andere zu bieten hatte und konnte vorzeigen, was man selbst weggeben konnte. Nur beim versprochenen Tausch war Vertrauen notwendig („morgen bringe ich dir 10 Eier“). Für das Vertrauen musste man den anderen persönlich kennen und aus Erfahrung wissen, dass er die 10 Eier bestimmt bringen würde. Manchmal reichte aber auch die Information eines Nachbarn: „Dem kannst du vertrauen“. Aber auf jeden Fall musste eine persönliche Erfahrung hinter der Mitteilung vorhanden sein. Und diese Erfahrung durfte nicht um „viele Ecken“ gemacht sein, durfte kein anonymes Gerücht sein.
Wer nun aber Münzgeld annahm, hatte irgendwoher die Information bekommen, dass man nicht nur einer Person als Anbieter vertrauen konnte, sondern, dass man auch diesen kleinen runden Metallstücken mit Bildchen darauf vertrauen konnte – ja das Vertrauen in den Wert dieser Geldstücke konnte sogar größer sein als das Vertrauen in einen Waren-Tausch-Handelspartner. Beim Waren-Tausch konnte es ja immer noch sein, dass mir der andere für meine Ware etwas gab, das nicht gut war (einen kranken Gaul z.B.), oder das ich nicht wirklich brauchen konnte – aber wenn mein Gemüse in einer Woche auf dem nächsten Markt ganz verschrumpelt aussehen würde, dann würde es gar niemand mehr kaufen. Also wäre es besser einen Tauschgegenstand zu akzeptieren, den ich eigentlich gar nicht so sehr brauchen würde (z.B. Apfelsaft, obwohl ich selbst viele Apfelbäume habe). Mit dem Münzgeld aber musste ich mit dem Gemüseverkauf nicht warten, bis jemand käme, der mir etwas für mich Geeigneteres anbietet als Apfelsaft. Ich nahm die Münzen für mein Gemüse und konnte gleich zu einem anderen Händler gehen, der mir Schuhe für die Münzen verkaufte. Ich brauchte nicht den Apfelsaft annehmen, um etwas für mein Gemüse im Tausch zu erhalten.
Je mehr Menschen über die Münzen und ihren Wert und die damit verbundenen Möglichkeiten informiert wurden und sie anschließend selbst nutzten, desto größer wurde der „Möglichkeiten-Raum“ dessen, was man mit den Münzen im eigenen Dorf oder ganz woanders erwerben konnte.
Die Münzen trugen nun in sich einen wirklichen materiellen Wert, da es fast überall auf der Welt Menschen gab, die sich an Silber und Gold und daraus hergestellten Gegenständen erfreuen konnten oder diese für religiöse Zwecke nutzten. Allerdings würden ohne die „Geld-Bezahlfunktion“ nur wenige (reiche) Menschen Münzen als reine Ware annehmen – ein armer Bauer würde sie ohne den nicht-materiellen Geldwert der Münze verschmähen, diese gegen sein nahrhaftes Gemüse einzutauschen („Die können wir doch nicht essen!“).
Das macht deutlich, dass die Hauptfunktion des Geldes darin liegt, dass es Träger eines nicht-materiellen Wertes ist. Und worin besteht dieser Wert eigentlich, der in Zahlen ausgedrückt wird, der zählbar ist? Er ist ein Vertrauens-Wert, er gründet sich auf das Vertrauen, dass ein anderer Anbieter von Waren auch die Münzen als wertvolles Zahlungsmittel annehmen mag. Es ist kein Vertrauen in eine bestimmte Person, es ist ein Vertrauen in den „virtuellen“ Wert des Geldes, in den „geglaubten“, anonymen (nicht an bestimmte Personen gebundenen) Wert des Geldes. Nur durch Information über die Funktion des Geldes kann jemand das Geld nützlich einsetzen, und nur, wenn er dieser Information vertraut.
Der Aktienhandel mit Aktien, die wechselnd viel Geld wert sind (aber die auch dem Besitzer keinen direkten materiellen Nutzen schenken), zeigt die Bedeutung von Vertrauen im nicht-materiellen Handel. Der Wert einer Aktie ist immer bedroht, mal mehr mal weniger. Er kann steigen oder sinken – es ist nie genau vorhersagbar. Wer aber den richtigen Aktien vertraut, kann sein Geld rasch vermehren. Dieses Vertrauen gründet auf vielfältigen Informationen oder auch auf Intuition. Bei den Wert-Entwicklungen der Aktien gibt es kein sicheres Wissen, nur Vermutungen: es ist quasi eine Vermutungs-Geld-Wirtschaft. Da Vertrauen und Vermutungen wie auch der Geldwert nicht materiell sind, aber an Menschen (oder inzwischen an Börsen-Computer) und deren Intuition oder Rechenalgorithmen, an Vertrauen und an Informationsströme gebunden sind ist Zuverlässigkeit der Börsenwerte schwankend – aber gerade das macht auch für wohlhabendere Bürger und Unternehmen den Reiz aus: beim geschickten Aktienkauf kann quasi „aus dem Nichts“ das Geld sich vermehren „Das Geld arbeitet für sie“ heißt es dann. Aber das Geld arbeitet nicht, die Aktien bekommen nur einen anderen Wert zugeschrieben, der in Geldwert ausgedrückt wird. Hinter den Aktien stehen zwar materiell vorhandene Unternehmen – aber der Wert der Aktien wird nicht alleine durch materielles Vorhandensein der Unternehmen bestimmt, sondern in großem Maße durch das Vertrauen (das vielfach auf Vermutungen basiert) der Anleger. Vertrauen lässt die Aktien steigen, Misstrauen fallen. Vertrauen und Vermutungen sind kaum exakt messbar und voraus berechenbar. Viele Einfluss-Faktoren kann man erkennen und Algorithmen können Wahrscheinlichkeiten der Entwicklungen berechnen – aber die Wirklichkeit ist nicht vollständig vorhersehbar. Aktien sind im doppelten Sinne Vertrauens- und Vermutungswerte: sie vertrauen auf die Annahme, dass Geld seinen nicht materiellen Wert für die Menschen behält, und der Aktienhändler vertraut und vermutet, dass der Geld-Wert der Aktie stabil bleibt oder sogar steigt. Interessant, dass in unserer so auf Sicherheit und Wissenschaftlichkeit und überprüfbare Daten ausgerichteten Gesellschaft der Kauf und Verkauf von Aktien auch für viele Kleinanleger seinen Reiz hat – vielleicht ziehen sich ja Gegensätze auch hier an.
Zurück zum Münzgeld. Die Münzen trugen noch einen materiellen Wert in sich – allerdings galt der nur für einige Menschen, die Gold und Silber besonders schätzten. Für den armen Menschen, der sich keinen Luxus leisten konnte, hatte das Münzgeld keinen direkten handfest materiellen Wert, sondern nur das Vertrauens auf den den Münzen zugeschriebenen Wert. Aber immerhin, irgendjemand würde sich wohl immer finden, der die Münzen begehrenswert finden würde.
Doch dann wurde – wohl der Einfachheit halber – das viel leichtere und bequemer zu transportierende Papiergeld erfunden. Und dieses Geld hat seinen Wert nur noch im Vertrauen darauf, dass andere Menschen darin den gleichen Wert erkennen. Würden aus irgend einem Grunde alle Menschen von heute auf morgen vergessen, dass Papiergeld einen Wert hätte, der über das Papier hinausgeht, so wären alle Geldscheine sofort wertlos, sie könnten sich höchstens noch zum Basteln, Dekorieren oder Verbrennen eignen. Kein Mensch käme auf die Idee, für diese Papiere etwas zu verkaufen.
Aber immerhin bestand das Geld noch aus Materie. Es war diese Materie, mit der der nicht materielle Wert verbunden – und wichtig – transportiert werden konnte. Durch die nicht-Materielle des Geldes war es möglich, es so zu gestalten, dass es – anders als unzählige Münzen – gut in einen Geldbeutel passte, so dass man es auf längeren Wegen mühelos mitnehmen konnte. Es wurde auch einfacher, Geld in Scheinen zu horten. Und man konnte etwas Vergängliches sich in Geld auszahlen lassen und damit den Wert sich dauerhaft (oder solange eine Währung anerkannt wurde) bewahren. Ein Bauer beispielsweise verkauft viele Waren, die ein paar Tage oder Monate später wertlos wären, weil sie verderben. Die Münzen und Geldscheine aber, die er dafür bekommt, die kann er viele Jahre lang aufheben und irgendwann wieder ausgeben.
Völlig zur reinen Zahl wurde das Geld im digitalen Zahlungsverkehr. Daran zeigt sich, dass der virtuelle Wert – auf den vertraut wird – 1-dimensional ist, denn Zahlen haben keine Höhe, Breite oder Vergänglichkeit in der Zeit. Sie haben nur eine Größe, die man mit einer Linie und Anfangs- und Endpunkt ausdrücken kann. Diese Linie, die diese Größe darstellt (aber nur darstellt, nicht materiell wirklich ist) kann man auch digital ausdrücken und damit an andere Orte durch Wellen und Ströme verschicken, man kann sie kopieren, aufbewahren und zum Bezahlen verwenden. Geld ist zur reinen Zahl geworden (passend spricht man ja auch davon, etwas zu bezahlen),entmaterialisiert und damit losgelöst von Raum und Zeit und entpersonalisiert – zwar „gehört“ es immer irgend jemanden, aber wenn es seinen Besitzer wechselt, ändert sich nichts an seinem nicht materiellen Wert. Auch wird kaum jemand denken: 10 Euro von der Person A sind etwas anderes als 10 Euro, die ich von der Person B bekommen habe. Besitzer ändern nichts am Geldwert, der durch das Vertrauen der ganzen Gesellschaft und des Staates und die wirtschaftliche Entwicklung festgelegt wird. Der Geldwert ist nur virtuell mit dem Geld verbunden, eine Münze, ein Geldschein (auch ein Scheck usw.), eine Aktie, eine Zahl zusammen mit einer Währungseinheit sind niemals das Geld selbst, sie symbolisieren nur einen anerkannten Wert. Das Geld und seine Funktion besteht nur solange, wie es Menschen gibt, die mit Hilfe dieser Symbole das tauschen, was ihnen wertvoll ist und die darauf vertrauen, dass dies auch morgen noch so funktioniert – und das bedeutet – bewusst oder unbewusst – Vertrauen auf meine Mitmenschen und auch darauf, dass sie über die Bedeutung von Geld informiert sind, dass sie die Bedeutung wiedererkennen, wenn von ihnen Geld verlangt wird, oder sie Geld bekommen. Ohne unseren Geist, ohne unser Bewusstsein gibt es kein Geld. Würden wir Menschen verschwinden und einmal Aliens die Erde besiedeln: sie könnten unsere Häuser und Geräte und unsere Kleidung usw. sehen und vielleicht sogar in ihrer Bedeutung schnell begreifen. Aber unser Geld wäre für sie unbegreiflich. Sie könnten nur – vielleicht auch passende – Theorien darüber aufstellen. Geld existiert als Wertangabe nur in unseren Köpfen, vielleicht auch in der KI – aber vermutlich wäre Geld für die KI nur eine rein rechnerische Größenordnung. Für uns Menschen aber ist Geld mit Hoffnungen und Träumen von Möglichkeiten verbunden. Für uns Menschen ist Geld eine ziemlich emotionale Angelegenheit – obwohl es doch in rein virtuellen Zahl ausgedrückt wird.
Eigentlich war Geld schon immer eine rein lineare Größe, die man in einer Zahl ausdrücken kann (Anzahl der Münzen oder der Geldscheine), da aber die Münzen auch materiell einen Wert hatten, ist die Entmaterialisierung des Geldes schleichend gekommen und vielleicht vielen Menschen gar nicht bewusst.
Damit das Vertrauen in das Geld nicht kippt, werden Regeln für den Geldfluss durch Staat und Banken aufgestellt, die den entmaterialisierten Wert des Geldes stabil und berechenbar halten sollen, und die die Verteilung des Geldes hüten (so beispielsweise vor Diebstahl schützen). Damit hat sich das Vertrauen in ein persönliches Gegenüber beim Tauschhandel in ein abstraktes, ziemlich anonymes Vertrauen in Staaten und Banken verwandelt. Die Regulierungen und die großen Zusammenhänge der Geldströme verstehen nur noch wenige von uns wirklich. Wir sind mit unseren – im Ganzen gesehen winzigen Geldtransaktionen – nur ein winzig kleiner Tropfen im Strom des gesamten nicht-materiellen und anonymen Geldes. Geld erleichtert im Handel sehr sehr vieles, die Vielfalt der Kaufabschlüsse ist unüberschaubar – aber der Handel hat damit auch an sachlicher Kälte zugenommen. Das kann man begrüßen oder bedauern, auf jeden Fall wirkt das stark auf unser Leben ein.
Wir können immer mehr käuflich mit Geld erwerben und immer weniger ohne Geld – heute ist das viel ausgeprägter als noch vor 50 Jahren. Es liegt erstens an der Fülle der Angebote, aber auch daran, dass heute so vieles technisch und hochorganisiert abläuft, dass wir vieles gar nicht mehr selbst privat bewerkstelligen können (wer könnte schon selbst einen Computer bauen oder auch nur die Lebensmittel, die er konsumiert, selbst anbauen?). Mit der stark zunehmenden Bedeutung von Geld als „gezähltem Zahlmittel“ ist die Gefahr vorhanden, dass zahlenmäßige Wert-Vorstellungen in unserem Leben immer mehr überwiegen, und Wertvorstellungen, die aus Intuition und nicht in Worte zu fassenden Empfindungen entstehen, immer weniger ernst genommen werden. Schon zählt man Beliebtheit in „Likes“ und „Sternchen-Bewertungen“. Doch kann man Freundschaft, Freude, Schönheit, Liebe, spirituelle Erfahrungen, Geahntes und überhaupt Weite und Offenheit mit solchen zahlenmäßigen Maßstäben messen und bewerten? Vielleicht aber macht uns mit der Zeit gerade diese „durchgerechnete Welt“, die sich um uns herum entwickelt, spürbar und klar, dass wir selbst keine Roboter und keine Rechenmaschinen sind. Und vielleicht verstehen wir damit auf einmal deutlicher denn je, dass nicht alles Wertvolle mit Geld zu erwerben ist. Ich jedenfalls bin überzeugt davon, dass wir Menschen uns immer wieder gegen eine völlige Berechenbarkeit wehren werden.
22.09.2025
